Geistlicher Impuls
(Nicht) allein in der großen Welt
Die ganze Welt sieht zu, wie in diesem Frühjahr der Buckelwal Timmy gerettet wird. Die Nachrichten über ihn sind einfach überall: im Fernsehen, in den Zeitungen und in den sozialen Netzwerken. Hautnah erleben wir die Walrettung und anderes Geschehen an so vielen fremden Orten mit – und leben gleichzeitig unser eigenes Leben. Manchmal dröhnt mir der Kopf, weil ich gedanklich überall bin. Durch die Nachrichtenerstattung ist die Welt so viel größer und weiter geworden, aber der Kopf, der all das verarbeiten soll, ist nicht mitgewachsen.Natürlich ist es gut, informiert zu sein über das, was in der Welt los ist, aber manchmal sind es zu viele Details und zu viele Schauplätze, die wir uns zumuten. Mein Handy informiert mich über einen Verkehrsunfall in Süddeutschland. Aber dass mein Nachbar nebenan im Garten gefallen ist, das weiß ich nicht. Woher denn auch? Er erzählt es nicht.
Bei einem Ausflug ins Museumsdorf komme ich ins Nachdenken. Wir sehen uns ein Haus an, in dem Mensch und Tier eng zusammenwohnten, in dem viele Menschen zusammenwohnten. Alle trafen sich in einem überschaubaren Raum, in dem man alles und jeden im Blick haben konnte. Man war zusammen mit den Menschen, die man kannte, die man einschätzen konnte, die einem halfen, eine eigene Meinung zu bilden, die einem Fragen beantworteten, die Trost spendeten. Auch Neuigkeiten kamen nur dann ins Haus, wenn neue Menschen hinzukamen. Kein Fernseher, kein Computer, keine Handys. Immer waren da Menschen, die man zu dem befragen konnte, was sie erzählten, die Rede und Antwort standen. Da waren vertraute Stimmen, denen man folgen oder von denen man sich bewusst abgrenzen konnte.
Die Nachrichten, die mein Smartphone mir liefert, nehme ich hingegen häufig dann wahr, wenn ich allein bin. Dann lese ich von Krisen und von Katastrophen. Ich habe eine Frage, habe vielleicht sogar Angst, aber ich muss mir erst aktiv jemanden suchen, der für mich da ist. Die Kommentarspalte unter dem Artikel scheint mir nicht hilfreich. Ich kenne die Menschen nicht, die dort schreiben, habe oftmals das Gefühl, dass sie keine Gespräche suchen, sondern nur die Möglichkeit, ihre eigene Meinung in die Welt hinaus zu schicken. Bald stehen da Meinung neben Meinung und ich frage mich: Welcher dieser Stimmen kann ich trauen? Wem kann ich folgen?
m Museumsdorf besuchen wir auch die Schafe, die vor Kurzem Lämmer bekommen haben. Immer mal wieder sagt eines „Mäh“ und die umstehenden Menschen antworten ebenfalls mit „Mäh“. Ich muss lachen. Und dann kommt mir eine Bibelstelle in den Sinn. Jesus Christus bezeichnet sich darin als der gute Hirte, der für seine Schafe da ist. Er sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir“ (Joh. 10,27). Mir wird wieder einmal bewusst, wie gut es tut, eine vertraute Stimme zu haben, der man beruhigt folgen kann. Diese Stimme klingt anders als die vielen Stimmen, die ich tagtäglich wahrnehme, wenn ich mich von meinem eigenen Sofa aus in der Weltgeschichte umherbewege, sie klingt anders als die Stimmen, die ich im hektischen Alltag wahrnehme. Diese Stimme erzählt von Liebe und davon, dass wir – aus Liebe zu uns selbst – nicht jeder Geschichte Gehör schenken müssen. Sie erzählt uns, dass wir manchmal viel zu viel von uns selbst verlangen. Sie erzählt uns, dass wir nicht allein sind.
Im Gewühl des Alltags geht diese Stimme oft unter. Doch ich darf mich immer an sie wenden. Ich muss dafür keine Nummer in meinem Handy finden, ich muss mir nur mal ein bisschen Ruhe gönnen. Amen.
Christine Vieth
online seit: 25.05.2026










