Jahreslosung 2020

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
Gedanken zu Markus 9,14

In unserer Alexanderkirche bekommen wir immer wieder Besuch von Pilgern, die hier Station machen. Bei den Pastoren, im Kirchenbüro, beim Küster und auch bei mir dürfen sie sich einen Pilgerstempel abholen. Was ich von Pilgern erfahre, das ist nicht nur interessant, sondern oft auch berührend: Manche sind aus Dankbarkeit unterwegs. Andere weil sie etwas suchen – davon auch einige, die hoffen, ihren Glauben wiederzufinden oder zu festigen. Sie erwarten etwas von dem Weg. GLAUBEN? In der Wundergeschichte, aus der unsere Jahreslosung stammt, ist auch jemand unterwegs: ein Vater, der Heilung für sein krankes Kind erwartet.

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“, schreit dieser Vater Jesus ins Gesicht. Glaube gegen Unglaube: Klingt wie ein Widerspruch, gehört aber zusammen.

In manchen Gesprächen erfahre ich von schweren Lebenswegen. Ich erfahre von einem Mann, dass er unerwartet eine Krebsdiagnose bekommen hat: „Immer war ich gesund, und jetzt das…“ Ohnmächtig fühle er sich, dem Krebs ausgeliefert. Ist da ein Gott, der ihm hilft? „Ich kann es nicht glauben“, sagt er. Verständlich. Leider kenne auch ich solche schwierigen Zeiten, in denen mein Glaube kaum oder nur noch auf Sparflamme vorhanden war.

Erfahrungen an der Grenze zwischen Leben und Tod lassen uns Menschen zweifeln. Ist da ein Gott, der helfen kann? An einer solchen Grenzerfahrung setzt die Geschichte an: Der Vater bangt um seinen kleinen Sohn, der wahrscheinlich an Epilepsie leidet. Schon immer ist das so, seit der Geburt des Jungen. Was für ein Schrecken jedes Mal, wenn er sich auf dem Boden wälzt, mit Schaum vor dem Mund, oft in der Nähe von offenem Feuer oder tiefem Gewässer. Wie hilflos fühlt er sich als Vater: Das eigene Kind dem Tod preisgegeben. Er steht voller Angst daneben.

Der Vater bittet Jesu Jünger um Hilfe, doch die können nichts tun. Und dann, gerade während sein Kind einen epileptischen Anfall erleidet, steht der Mann vor Jesus. Die Spannung zwischen Angst und Hoffnung ist zum Greifen. Er fleht Jesus an: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Doch Jesus greift nicht sofort ein, er beginnt eine Diskussion über Glauben und provoziert damit den armen Mann noch mehr: „Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“

Der Vater kann nur noch herausschreien, was ihn im Innersten zerreißt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

„Wenn es einen Gott gäbe, dann sähe diese Welt anders aus, ich kann absolut nicht an ihn glauben!“ Das sagt der Sohn einer Bekannten, der nach Abschluss seiner Konfirmandenzeit plötzlich nicht konfirmiert werden will. „Ich will nichts Falsches versprechen, ich kann nicht glauben.“

Was der Vater in der Geschichte herausschreit, ist die Not vieler Menschen. Die will ich nicht schön reden, sondern ernst nehmen!

Die Geschichte in der Bibel geht „wunderbar anders“ aus: Schließlich heilt Jesus den Jungen. Doch die Heilung wird fast zum Nebenaspekt, denn die Erzählung ist mehr als eine klassische Wundergeschichte. Es geht vor allem um den GLAUBEN!

Der Vater erreicht in seinem verzweifelten Schrei einen für mich wichtigen Punkt: Er gesteht sich und Jesus ein, dass er aus eigener Kraft nichts tun und nichts leisten kann, noch nicht einmal glauben. Er erkennt, dass nicht nur sein Sohn der Hilfe und der Heilung bedarf, sondern auch er selber, eben sein Glaube.

Mitten in der Zerrissenheit dieses Schreis steckt die Erkenntnis: „Ich bin nur Mensch, aber du bist Gott. Ich kann nichts, aber du kannst alles.“ So liefert sich der Vater ganz Jesus aus. Damit steht er für alle Menschen, die nicht wissen, wem sie noch vertrauen oder an was sie noch glauben können. Für die vergeblich nach Orientierung Suchenden. Und auch für die, die sich ihres Glaubens gewiss sind und deren Glaube plötzlich ins Wanken gerät. An diesem Punkt ist das Eingeständnis des eigenen Unglaubens für mich persönlich nichts anderes als GLAUBE!

Ich kann Glauben nicht einfach haben, doch ich darf immer darum bitten und ihn mir immer wieder schenken lassen. Auf dem Pilgerweg meines eigenen Lebens! Ihnen und mir wünsche ich auf unseren Wegen diese GLAUBENSErfahrung.

Bleiben Sie/ bleibt Ihr behütet und gesegnet – auch mit dem Geschenk des Glaubens!

Wiltrud Stanszus
 

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Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
(Markus 9,14)

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Dienstag, 7. Juli 2020
Ich sprach, da ich weglief vor Angst: Ich bin verstoßen aus deinen Augen. Doch du hast mein lautes Flehen gehört, als ich zu dir schrie.
Psalm 31,23

Letzte Änderung: 07.07.2020
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© 2020 • Ev. Luth. Kirchengemeinde Wildeshausen • Sägekuhle 7 • 27793 Wildeshausen • Tel. 04431-2449
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