Meditation

 
„Kommst du mit zum Frühjahrsputz in die Kirche?“, fragte mich vor einigen Jahren ein Bekannter. Ich hatte allerdings bisher den Eindruck, dass es gerade dort, anders als auf meinem Schreibtisch, ganz sauber und aufgeräumt aussieht. „Ist das wirklich nötig?“, war denn auch meine erste Reaktion. Er schmunzelte nur: „Du hast mir doch erzählt, dass du häufig nicht weißt, wo dir vor lauter Gedanken um Familie, Beruf, Haus, Sport und Hobbys der Kopf steht!“ Ich begriff nicht, was das nun mit dem Frühjahrsputz zu tun haben sollte. „Na ja, komm doch mal mit zur Meditation, ich glaube, du grübelst zu viel über die Vergangenheit, und machst dir zu viel Sorgen um die Zukunft. Ein bisschen Hausputz, um die Gedanken zu ordnen und Überflüssiges wegzulassen kann da nicht schaden, meinst du nicht?“ „Und das macht ihr in der Kirche? Ich dachte immer, das hat was mit fernöstlicher Spiritualität und Lebensweise zu tun?“ Da sind wir dann ins Gespräch gekommen. Meditation gibt es im fernen Osten ganz selbstverständlich bereits seit Jahrtausenden. In Europa hat sie sich gelegentlich erst in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts verbreitet. Es gibt allerdings auch hier schon seit dem Mittelalter die Kontemplation gerade in der christlichen Welt, die bereits Thomas von Aquin beschrieben hat.
Da liegt es doch nahe, sich in der Kirche zur Meditation zu versammeln. Interessiert hat´s mich schon, was da während des stillen Sitzens so passieren soll. Und dann bin ich an einem Mittwoch einfach mit ihm zusammen in die Kirche gegangen.
Nach kurzer Erläuterung zur Sitzposition und zur Technik des Atemzählens durch Pastor Selke ging´s auch schon los. Aber „los“ ist mehr als übertrieben. Eigentlich passierte gar nichts. Ich saß da und zählte meine Atemzüge. Ziemlich trist, wenn sich sonst nichts bewegt und außer dem Glockenschlag zu jeder halben Stunde kaum Geräusche wahrzunehmen sind. Aber nach einer ganzen Weile verflogen meine Gedanken, die mir so nacheinander und durcheinander in den Sinn kamen.
Zunehmend hatte ich den Eindruck, die Stille zu hören. Allein mit wenigen anderen Personen in dem großen und weiten Raum der Kirche zu sitzen, wurde für mich erstaunlicherweise zu einer beeindruckenden Erfahrung, als ich überhaupt nichts mehr hörte, kein Atmen meines Nachbarn, keine Autogeräusche, kein Luftzug.
Trotzdem hatte ich den Eindruck, ganz zu dieser Stille und meiner Umgebung dazu zu gehören. Keine einzige Person um mich herum konnte ich wahrnehmen, trotzdem hatte ich das Gefühl von Verbundenheit, Gemeinschaft und innerer Zufriedenheit. Je mehr ich mich auf dieses reglose Sitzen eingelassen habe, desto ruhiger wurde ich. Plötzlich ein Glockenschlag, und die Meditationsrunde war beendet. Seit dem bin ich regelmäßig dabei. Je öfter ich so in der Meditation sitze, desto mehr der vielen überflüssigen Gedanken über die Vergangenheit und Sorgen um die Zukunft konnte ich „sein“ lassen. Ich glaube, man wird sie nie wirklich los, aber man kann gelassener damit umgehen. Vor einem Jahr hätte ich mir noch nicht vorstellen können, wie sehr sich durch dieses ruhige Sitzen ohne jeden äußeren Einfluss die eigene Lebenseinstellung und intensive Wahrnehmung ändern kann.
Wer die Meditation auch einmal für sich erproben möchte ist herzlich eingeladen. Wir treffen uns jeden Montagmorgen von 7.30 Uhr bis 8 Uhr in der Kirche. Es sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Bitte den Nebeneingang am Remter benutzen.

Frank Holzberger
 
 
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Letzte Änderung am 03.04.2020 in:
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